TU-Chemnitz
Institut für Soziologie

Übung Mikrosoziologie (WS 2002/2003)
Dozentin: Anja Steinbach M.A.

Take-Home-Examen II
 

Die Austauschtheorie als Spezielle Variante der allgemeinen Verhaltenstheorie 

Im folgenden Text werde ich die Austauschtheorie als eine spezielle Variante der allgemeinen Verhaltentheorie darstellen und auf ihre Möglichkeiten und Grenzen eingehen.

Spricht man von der allgemeinen Verhaltenstheorie, sollte zuerst eine konkrete Vorstellung über das, was Verhalten genannt wird, bestehen. Unter Verhalten werden in der Verhaltenstheorie „sichtbare und/oder mentale Aktivitäten, die durch Lernen zustande kommen“ (Reimann/Giesen/Goetze & Schmid 1979: 100),  verstanden. Ziel der Verhaltenstheorie ist es, das Verhalten als Reaktion auf Reize zu erklären. Reiz bezeichnet dabei jeden Einfluss, dem ein Organismus unterliegt. Demnach ist ein Reiz die Ursache für das Auftreten einer bestimmter Verhaltensweise (vgl. Reimann/Giesen/Goetze & Schmid 1979: 92). Der Begriff Lernen, wird als „Mechanismus, mit dessen Hilfe bestimmte Elemente in das mentale System Eingang finden und dort verankert werden“ (Reimann/Giesen/Goetze & Schmid 1979: 92: 96) verstanden. Die Summe aller „Wünsche, Wahrnehmungen, Bedürfnisse, Überzeugungen, Vorstellungen etc., die einer Person eigen sind“ (Reimann/Giesen/Goetze & Schmid 1979: 92: 97) wird mentales System genannt.

Ausgangspunkt der Erklärung von Verhalten ist die Frage, wie ein Organismus durch einen Reiz zu einer Zustandsänderung veranlasst wird. Sieht sich ein Akteur einer Situation ausgesetzt, die er als unbefriedigend empfindet, ist er bestrebt diesen Mangel- bzw. Spannungszustand (Deprivation) zu beseitigen. Jeder Sachverhalt, der  dazu dient, einen solchen unbefriedigenden Zustand abzubauen, wird in der Verhaltenstheorie als Belohnung definiert. Jede Verminderung von Belohnung gilt als Bestrafung (vgl. Reimann/Giesen/Goetze & Schmid 1979: 92: 92). Aus diesen Überlegungen folgt, dass sich die Auftretenswahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens durch Belohnungen erhöht und durch Bestrafungen verringert. Es kann auch zur Extinktion, also zur „Löschung eines gelernten Verhaltens infolge fortwährender Bestrafung dieses Verhaltens“ (Reimann/Giesen/Goetze & Schmid 1979: 92: 106) kommen. Hier sei darauf hingewiesen, dass das Empfinden von Belohnung und Bestrafung und die Beurteilung des Wertes bzw. des Ausmaßes immer eine dem einzelnen Individuum unterliegende Einschätzung ist. Der Wert einer Belohnung oder die Härte einer Bestrafung muss also nicht für jedes Individuum gleich sein (vgl. Reimann/Giesen/Goetze & Schmid 1979: 92: 102).

Durch verschiedene Thesen werden in der allgemeinen Verhaltenstheorie die kausalen Zusammenhänge zwischen bestimmten Situationen und bestimmten Verhaltensweisen dargelegt. Es werden Aussagen über die Häufigkeit, die Wertigkeit und die Regelmäßigkeit von Belohnungen und Bestrafungen und die daraus erwachsenden Folgen gemacht.

Ein weiterer Bestandteil der allgemeinen Verhaltenstheorie ist die Theorie des Verhaltenskonfliktes. Demnach liegen „Verhaltenskonflikte ... immer dann vor, wenn mehrere mentale Spannungszustände bestehen und man nicht alle gleichzeitig  mit ein und derselben Verhaltensweise lösen kann oder wenn eine bestimmte Verhaltensweise zu Nebenfolgen führt, die nicht belohnenden, sondern auch deprivierenden Charakter haben werden“ (Reimann/Giesen/Goetze & Schmid 1979: 92: 110). Es werden drei Konfliktfälle unterschieden: Der Konflikt zwischen zwei belohnenden Zuständen, der Konflikt zwischen einem belohnenden und einem deprivierenden Zustand und der Konflikt zwischen zwei deprivierenden Zuständen (vgl. Reimann/Giesen/Goetze & Schmid 1979: 92: 110). Bei der Lösung eines solchen Konfliktzustandes gilt generell, dass das Verhalten, welches die Belohnung mit dem höchsten Wert, oder die mildeste Strafe zur Folge hat, gewählt wird.

Durch die Nähe der Verhaltenstheorie zur Lerntheorie, ist erklärt, warum es sich bei der allgemeinen Verhaltenstheorie um einen individualistischen Ansatz handelt. „Lernen kann als ein Grundmechanismus verstanden werden, auf dessen Hintergrund sich Gesellschaft erst ausbilden kann, es ist die Basis jeder menschlichen Vergesellschaftung“ (Reimann/Giesen/Goetze & Schmid 1979: 92: 118).

 

Eine Möglichkeit soziales Verhalten als Tauschvorgang zu erklären, wird in der Austauschtheorie dargestellt. Hier werden „weite Bereiche des sozialen Verhaltens als Tauschvorgänge, die zwar verschiedene Formen annehmen können, denen aber die Norm der Reziprozität gemeinsam ist“ (Weymann 2001: 103), gesehen. Es wird versucht, die Herausbildung und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen und einer (/der) gesellschaftlichen Ordnung als sozialen Austausch zu erklären. Daher ist auch die Austauschtheorie - wie die Verhaltenstheorie - ein individualistischer Ansatz. Es heißt, „die Interaktion zwischen Personen kann als Austausch von materiellen und nichtmateriellen Gütern betrachtet werden“ (Homans 1973: 247). Austausch soll hierbei als ständig ablaufender wechselseitiger Prozess zwischen Geben und Nehmen gesehen werden.

Die Austauschtheorie geht von zwei grundlegenden Annahmen aus. Einerseits  sind Verhaltensweisen, die einen Reiz zur Folge haben, der einem Gegenüber eine Belohnung oder eine Bestrafung in Aussicht stellt, der Gegenstand des Austauschprozesses. Andererseits geht man von einer Kosten-Nutzen-Idee aus. Die Belohnung kommt dabei dem Nutzen gleich. Durch die Wahl einer alternativen Verhaltensweise kann ein Akteur Kosten haben und zwar in Form eines Verzichtes auf die Belohnung, die er im Falle der jeweils anderen Handlungsweise bekommen hätte.

An einem Beispiel lässt sich das verdeutlichen. Es wurde folgende Situation in einer Schulklasse beobachtet: Ein Schüler spricht während des Unterrichts ständig mit seinem Nachbarn und stört somit nicht nur seine Mitschüler, sondern auch den Lehrer. Der Lehrer ist nun bestrebt dieses Verhalten des Schülers abzustellen. Durch seine Ausbildung und seine Erfahrung kennt der Lehrer verschiedene Methoden, um einen solchen ungünstigen Zustand zu ändern. Eine Möglichkeit muss er nun auswählen. Er entschließt sich, den störenden Schüler anzusprechen. In diesem Moment setzt sich der Lehrer jedoch einem Kostenrisiko aus. Die Möglichkeit, dass der Schüler in unerwarteter, die Situation verschlimmernder Weise reagiert, muss dem Lehrer bewusst sein. Es wird deutlich, dass man unter Kosten das versteht, was ein Akteur in einer Interaktion hergibt. Den Kosten stehen die Belohnungen, der Nutzen oder die Werte gegenüber. Die Differenz aus Werten und Kosten ergibt den Gewinn, den der Akteur am Ende einer Interaktion zu verbuchen hat. Vom Akteur wird immer ein persönliches Gewinnmaximum angestrebt. Der Lehrer fragt den Schüler nun nach der Ursache seines Verhaltens, worauf der Schüler angibt, einen grundlegenden Sachverhalt nicht verstanden zu haben und deswegen den Ausführungen des Lehrers nicht länger hatte folgen können. Der Lehrer erklärt darauf hin dem Schüler diesen Punkt ein weiteres Mal und kann den Unterricht ungestört fortsetzen. In diesem Fall hat der Lehrer Kosten in Form von Zeit, die ihm für den Rest des Unterrichts verloren gegangen ist, hinnehmen müssen. Der erreichte Nutzen ist in der Tatsache zu sehen, dass der Lehrer den Unterricht ungestört hatte fortsetzen können. Man kann sagen, dass der Lehrer durchaus Gewinn davongetragen hat. In diesem Fall hat wohl auch der Schüler einen hohen Nutzen gehabt, obgleich er hatte zugeben müssen, etwas nicht verstanden zu haben, was im Kontext eines Klassenverbandes durchaus als Kosten angesehen werden kann.

In der Austauschtheorie werden die verhaltensverstärkenden Kräfte Werte genannt. Entstehen bei einer Handlung gegenläufige Reize, so nennt man diese Kosten (vgl. Homans 1973: 248f). Der Gewinn, den jeder der Akteure infolge der Interaktion mit dem anderen empfängt, ist um so größer, je höher die vom anderen Akteur infolge des eigenen Verhaltens erzielten Belohnungen sind und je geringer die Kosten des Verhaltens sind.

Im Gegensatz zur Verhaltenstheorie gibt es bei der Austauschtheorie eine konkrete Betrachtungsweise für das Verhalten von Mitgliedern einer Gruppe untereinander und gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen. Die Autoren Festinger, Schachter und Back führten dazu zwei Variablen ein. „‚Kohäsion’ - ein Sammelbegriff für alles, was den einzelnen zur Teilnahme am Gruppenleben veranlaßt“ (Homans 1973: 250) und Kommunikation (Interaktion), welche eine Häufigkeitsvariable ist; „sie mißt die Erscheinungsfrequenz wertvoller und ‚kostspieliger’ verbaler Verhaltensweisen“ (Homans 1973: 250). Es lässt sich zeigen, dass die Interaktionshäufigkeit im Schnitt zunimmt, je größer die Kohäsien in einer Gruppe ist (vgl. Homans 1973: 250). Kohäsion und Kommunikation stehen also miteinander in Bezug. Um beim Beispiel Schule zu bleiben: Angenommen in der betrachteten Schule herrscht im Lehrerkollegium eine warme, von Hilfsbereitschaft geprägte Atmosphäre, so werden die Lehrer gerne zum Unterrichten in diese Schule kommen, mehr kommunizieren und es werden sich viele Freundschaften aufbauen.

Nach Schachter werden zwei Typen von Gruppenmitgliedern unterschieden. So gibt es Konformisten und Nonkonformisten. „Als Konformisten sollen ... diejenigen gelten, deren Verhalten von anderen Mitgliedern für wertvoll gehalten wird“ (Homans 1973: 250). Sie erfüllen gruppeninterne Erwartungen und Normen. Als Nonkonformisten sollen Gruppenmitglieder gelten, deren Verhalten für die Gruppe nicht besonders wertvoll ist. Sie verstoßen gegen gruppeninterne Normen und erfüllen an sie geknüpfte Erwartungen nicht. Demnach nimmt auch die Bereitschaft anderer Gruppenmitglieder ab mit ihnen in Interaktion zu treten. Befindet sich in dem beispielhaft betrachteten Lehrerkollegium ein Lehrer, der ständig zu spät kommt, sich nicht an den Lehrplan hält und gegen Grundsätze des Kollegiums verstößt, ist er somit ein Nonkonformist. Sollte der Lehrer jedoch auf die Hilfe seiner Kollegen angewiesen sein, wird er, da er aufgrund seines nonkonformen Verhaltens vom restlichen Kollegium gemieden wird, sein „eigenes Verhalten für andere wertvoller gestalten“ (Homans 1973: 250) -  sich anpassen.

Entscheidend für Verhaltensänderungen ist der Gewinn, der für eine Person aus einem Verhalten resultiert. Ist der Gewinn hoch, so ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass das betreffende Verhalten beibehalten wird, hoch. Ist der Gewinn niedrig, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Person ihr bisheriges Verhalten ändert hoch. Akteure sind nicht nur auf Gewinnmaximierung ausgerichtet, sie sind auch daran orientiert, dass niemand in der eigenen Gruppe einen höheren Gewinn erzielt als sie selbst (vgl. Homans 1973: 262).

Die grundlegende Idee ist sowohl in der Verhaltenstheorie als auch in der  Austauschtheorie, dass das Verhalten von Individuen eine Reaktion auf Reize darstellt, wobei dem Individuum immer mehrere Reaktionsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. In der Austauschtheorie wird dieses Modell um den Aspekt der Gewinnmaximierung durch Kosten-Nutzen-Abwägung erweitert. Soziale Interaktionen werden nicht nur als gegenseitiges Beeinflussen verschiedener Interaktionspartner verstanden, sondern als Austausch von Gütern.

Aus den oben gemachten Erläuterungen wird deutlich, wo die Austauschtheorie an ihre Grenzen stößt. Während die Erklärung von mikrosoziologischen Phänomenen aufgrund der individualistischen Ausprägung keine größeren Schwierigkeiten bereitet, ist die Betrachtung von makrosoziologischen Phänomenen nur schwer oder kaum möglich. So kann man ziemlich genau erschließen, was einen erholungsdurstigen Menschen bei schönem Wetter zu einer Fahrt ins Grüne bewegt. Man kann sich vielleicht auch vorstellen, wieso dieser Mensch wenige Minuten später mit seinem Fahrzeug mit lauter Gleichgesinnten im Stau steckt. Um dieses eher makrosoziologische Phänomen Stau jedoch genau zu erklären, müsste man von jedem einzelnen beteiligten Individuum wissen, was der Grund für seine Autofahrt ist.

Weiterhin ist es nicht möglich irrationale Handlungen zu erklären. Wiederholt ein Individuum immer wieder eine bestimmte Handlung, obwohl sie keinen Gewinn einbringt, so hat die Austauschtheorie auch darauf keine Antwort.

Ein deutlicher Vorteil ist jedoch die Nähe zu den Wirtschaftswissenschaften, das Modell des Austausches erleichtert damit die soziologische Erklärung von  Vorgängen in der Wirtschaft.

 

Literaturverzeichnis

Homans, George C. (1973) : Soziales Verhalten als Austausch. In: Hartmann, H. (Hrsg.): Moderne amerikanische Soziologie. Stuttgart: Enke: 247-263.

Reimann, H./ Giesen, B./ Goetze, D. & Schmid, M. (1979): Verhaltens- und Lerntheorie. In: Dies.: Basale Soziologie: Theoretische Modelle. Opladen: Westdeutscher Verlag: 90-120.

Weymann, Ansgar (2001): Interaktion, Sozialstruktur und Gesellschaft. In: Joas, Hans (Hrsg.): Lehrbuch der Soziologie. 1. Auflage, Frankfurt/Main: Campus: 93-121.

 

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zitatnachweis:

Olaf Wulff. Die Austauschtheorie als Spezielle Variante der allgemeinen Verhaltenstheorie. 2003.
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